Helmut Kohl, † 16.06.2017

Bevor das hier ausgearbeitet wird bitte ich Dich "Die Ehe für ALLE" vom 04.07.2017 zu lesen. Dort kommt Helmut Kohl vor - zu wichtigen Themen, wie den Werten und der Ehrlichkeit!

 

Vorab Wiedersprückliches zu Helmut Kohl, herauszulesen aus

2 Artikeln in DIE ZEIT vom 22.06.2017:

 

Ecki, komm sofort!  

Keiner diente dem Bundeskanzler so lange und so treu wie sein Fahrer Eckhard Seeber. Gedankt hat man es ihm nicht.

 

Von Hanns-Bruno Kammertöns,  22. Juni 2017, Aus der ZEIT Nr. 26/2017

 

Abfahrt von Ecki Seeber und Helmut Kohl – ein Foto aus dem Juni 1994

 

 

Als er die Eilmeldung vom Tode seines ehemaligen Chefs in den Nachrichten hörte, hat Eckhard Seeber nicht lange gezögert. "Ecki", so hat ihn Helmut Kohl liebevoll genannt, machte sich noch einmal auf den Weg. Auf diese kurze Strecke, die er mehr als tausendmal gefahren ist, um "den Herrn Bundeskanzler" am Morgen zum Dienst für Deutschland abzuholen. Um ihn nach Bonn zu fahren und sonst wohin quer durch die Republik. Fünf Millionen Kilometer, rund 46 Jahre im Auto. Kein Polizist, kein Referent, der sie störte. "Doktor Kohl wollte es so" – nur sie beide, Seite an Seite. "Er saß immer vorne rechts."

 

Auch Seeber, 79, wohnt in Oggersheim. In einem ockerfarbenen Reihenhaus, von denen es viele gibt in dieser Gegend. Was Seeber wichtig war beim Kauf: Von hier aus waren es keine zwei Kilometer bis zum Bungalow des Bundeskanzlers. Wenn es drauf ankam, und es kam ja so gut wie immer drauf an, dann bog Seeber mit dem gepanzerten Mercedes rasant um die Ecke, dann stand er binnen weniger Minuten vor der Tür des Chefs.

 

Keine Geheimnisse, irgendwann sind in einem Auto alle gleich. "Der Bundeskanzler machte die Politik, ich kümmerte mich ums Ankommen." Und wenn das Ziel erreicht war, hat Seeber auf den Bundeskanzler gewartet, Stunde um Stunde. Insgesamt wohl mehr als ein Jahr Warten auf Helmut Kohl. Seeber hat ihn wirklich gemocht.

 

Unterwegs hörten sie James Last, Klavierkonzerte und Glenn Miller. Die Kassetten dazu hatte Kohl besorgt. Am Morgen kramte er sie aus der Manteltasche. Eigentlich waren die Reisen der beiden immer gleich. "Fahrten mit Blaulicht mochte er gar nicht", ansonsten galt das Motto, das jeder Chauffeur am liebsten hört: "Je schneller, desto besser". Woran sich Seeber erinnert: "Jeden Tag hat er aus dem Auto bei den beiden Buben angerufen, er war stolz auf seine Söhne."

 

Meist fuhren sie in einer kleinen Kolonne, also mit einem Lotsenfahrzeug vorneweg, "denn Navis gab es ja noch nicht", und dem Wagen der Sicherheitsbeamten hinterher. Wenn die Lotsen nicht zu finden waren, was ärgerlicherweise vorkam, "hat auch Doktor Kohl in die Straßenkarte geguckt und den Weg gesucht". In dieser Formation rollten sie auch in das Stadtgebiet von Halle an der Saale ein, damals, im Mai 1991.

 

Als die Demonstranten bei der Rede des Kanzlers mit faulen Eiern werfen, sitzt Seeber in seinem Panzerwagen, der schwer getroffen wird. Er schaltet die Scheibenwischer ein. "Ein Blödsinn natürlich, denn nun konnte man gar nichts mehr sehen!" Dafür ist der Chef an diesem Tag in Hochform. Seeber erinnert sich mit Behagen: "Stürmt der doch auf die Pöbler los, und wehe, wenn er sie erwischt hätte." Hat ihm gefallen, manchmal bricht bei ihm noch der ehemalige Fallschirmjäger durch.

 

Immer hätte dies so weitergehen können, vielleicht hat der Fahrer das wirklich manchmal gedacht. Doch dann gibt es diesen Anruf von Helmut Kohl im Februar 2008. Eine dünne Stimme, die ihn bittet: "Ecki, komm sofort!"

 

Kohl ist auf der Marmortreppe seines Hauses gestürzt. Seeber eilt herbei, hilft dem Chef ins Badezimmer, später fahren sie ins Krankenhaus. "Dies war meine letzte Fahrt mit Doktor Kohl." Er solle in Rente gehen, lässt Maike Kohl-Richter dem Chauffeur bestellen. Und seine Frau gleich mitnehmen. "Legen Sie die Autoschlüssel auf den Küchentisch des Bungalows", habe Maike Kohl-Richter angeordnet. Seeber hat ihr gehorcht.

Ob Helmut Kohl wirklich gewusst hat, was damals passierte? War es auch seine Entscheidung, ihn wegzuschicken? Diese Fragen haben Seeber über Jahre gequält. Der Fahrer hätte Kohl gerne gefragt, aber irgendeiner versperrte ihm immer den Weg. Erst sind es die Polizisten im Krankenhaus und in der Reha-Klinik, später, als der Patient wieder in Oggersheim wohnt, ist es die neue Frau von Helmut Kohl. In seiner Not gibt Seeber 2012 der Bunten ein Interview, breitet darin all seine Fragen an Helmut Kohl aus. "Ich wollte, dass er das liest." Ob man dem Altkanzler die Illustrierte überhaupt gezeigt hat?

 

Jetzt ist Helmut Kohl tot, Seebers Fragen bleiben offen. Aber verabschieden will er sich, wer kann ihm das verbieten? Der Kanzler werde im Wohnzimmer des Bungalows aufgebahrt, hat er gehört. Er will ihn noch einmal sehen.

 

Die Polizisten, die am vergangenen Wochenende das Haus des toten Kanzlers bewachen, halten ihn nicht auf. Seeber schellt an der Eingangstür.

 

Kai Diekmann, der ehemalige Bild-Chefredakteur und Trauzeuge Kohls, habe die Tür geöffnet. Diekmann habe höflich gefragt, ob er, Seeber, angemeldet sei. "Nein ..." Der Rest des Gesprächs, erinnert sich Seeber, sei im Geschrei von Maike Kohl-Richter untergegangen: Wer hat Sie bloß hier reingelassen, habe sie gerufen. Auf den Besucher wirkte Kohls Witwe fassungslos, während Diekmann ruhig geblieben sei. Dann sei die schwere Haustür krachend ins Schloss gefallen.

 

Seeber hält einen Augenblick inne. Tränen? Nein, sagt der Fahrer. "Nicht mehr. Ich werde es auch nicht noch einmal versuchen. Für mich ist die Sache abgeschlossen."

 

Eckhard Seeber hat noch einmal einen Job bekommen. Ausgerechnet bei jener Firma, bei der er als Fahrer tätig war, als er Helmut Kohl 1962 kennenlernte. Heute fährt er den Enkel der Familie, morgen holt er ihn in Zürich ab.

 

"Irgendwie schon schön", sagt Eckhard Seeber heute, "die Räder drehen sich wieder rund."

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Bist du jetzt völlig verrückt geworden?

 

Erinnerungen an meinen Freund und Lehrer Helmut Kohl

Von Stephan Holthoff-Pförtner, 22. Juni 2017, DIE  ZEIT Nr. 26/2017

 

Als Helmut Kohl mich 1999 im Rahmen der CDU-Spendenaffäre fragte, ob ich ihn anwaltlich beraten könne, fühlte ich mich geschmeichelt, ahnte aber nicht, dass aus meinem Mandanten sehr bald ein enger Freund und mein wichtigster Lehrer werden würde.

 

Ich habe ihn für seine allumfassende Bildung bewundert. Ein wahrer Lehrmeister wurde er mir aber, als ich verstand, dass Bildung für ihn mehr war als Anhäufung von Wissen: Bildung war für ihn eine Haltung. Nie ging es ihm um Abschlüsse oder Titel, wichtig waren ihm die innere Selbstständigkeit und Klugheit der Menschen. Die suchte er – und er fand sie bei Menschen aller Berufe, Schichten und politischen Lager.

 

Mir ist das schlagartig während einer Wanderung im Elsass deutlich geworden. Wir kamen an einer kleinen Kirche vorbei, in der jemand Orgel spielte. Es war berückend schön, und Kohl, der erst vor wenigen Monaten seine Frau Hannelore verloren hatte, war tief bewegt. Nach Verklingen des letzten Tons rief er: "Kannst du auch Großer Gott, wir loben Dich?" Nur das, im Elsass auf Deutsch und im Du – ich fand das unerhört. Der Organist spielte es umgehend. Dann wünschte sich Kohl ein Marienlied, und es erklang "Und trag ich all mein Leid zu dir, oh Mutter unserer Herzen". Der Organist beugte sich herunter und sagte: "Ich habe eben gedacht, der Bundeskanzler ist hier." Da drehte sich Helmut Kohl um und rief: "Aber ich bin es doch!"

 

Wir gingen danach mit dem Organisten und seinen Leuten essen, Kohl erkundigte sich nach den Familien, und wir erfuhren viel vom Leben dieser Menschen. Es gab keine Distanz, es waren seine Leute. Ich erkläre mir sein legendäres politisches Netzwerk mit dieser Haltung.

 

Dieses Verständnis ermöglichte ihm auch eine Nähe zu politischen Gegnern. Er bekämpfte, oft mit aller Härte, Meinungen, die er für falsch oder gefährlich hielt, nie bekämpfte er die Menschen, die sie vertraten. Ich habe Helmut Kohl stets als intellektuell großzügigen Menschen erlebt. Wenn er wusste, dass er sich auf jemanden verlassen konnte, dann wurde alles andere zweitrangig. Und er scherte sich nicht darum, was andere über ihn dachten. Ich habe nicht nur einmal erlebt, wie er mir im Restaurant Kartoffeln vom Teller klaute und mir ungefragt dafür sein Schnitzel auf den Teller lud.

 

Auch im politischen Leben konnte er ganz ungewöhnlich agieren. Er erzählte mir einmal, wie er eine Ruhrgebietskonferenz gemeinsam mit NRW-Ministerpräsident Johannes Rau organisieren wollte. Rau konnte das Ansinnen des Kanzlers schlecht abschlagen, hatte aber kein Interesse daran, dass Kohl im Revier Präsenz zeigte. So ließ er den Kanzler auflaufen, schob das Vorhaben auf die lange Bank und schützte Terminprobleme vor. Als Rau während eines persönlichen Treffens wieder Terminschwierigkeiten vorgab, bat Kohl ihn um die Telefonnummer seiner Sekretärin, rief in Anwesenheit Raus dort an und stimmte den Termin mit ihr ab. Rau erstarrte.

 

Helmut Kohl wusste natürlich schon lange, dass ich seit vielen Jahren mit meinem Lebensgefährten Klaus Sälzer zusammenlebe. Es war aber nie ein Thema zwischen uns. Als ich aus Anlass eines Empfangs des Bundespräsidenten Köhler zu Ehren von Kohl fragte, ob ich allein kommen solle, war seine Reaktion vielsagend und typisch: "Bist du jetzt völlig verrückt geworden?" Genauso selbstverständlich reagierte er, als wir ihn später fragten, ob er unser Trauzeuge sein würde. Die gleichgeschlechtliche Ehe ist in der CDU noch immer ein schwieriges Thema. Nicht für Helmut Kohl. Ihm kam es auf die Menschen an, nicht auf Konventionen. So begleitete er uns im Frühjahr 2013 an unserem wichtigsten Tag.

 

Stephan Holthoff-Pförtner, 68, ist Rechtsanwalt und Mitgesellschafter der Funke Mediengruppe. Er hat Helmut Kohl mehrfach vor Gericht vertreten.

 

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