Imagine von John Lennon

Am 08.12.1980 wurde John Lennon vom religiösen Fanatiker Mark David Chapman hinterrücks mit 4 Schüssen in New York erschossen. 8 Jahre zuvor schrieb er den Song Imagine, der sein Todesurteil werden sollte.

 

John Lennon bei einer Demonstration 1975 in Londons Hyde Park

John Lennons „Imagine“ – was für ein Kitsch!

Von Torsten Krauel | Veröffentlicht am 16.04.2017 in Welt am Sonntag.

 

Diese dunkle, sehnende, betörend-verstörende Melodie, an einem Frühjahrsvormittag 1971 in wenigen Stunden niedergeschrieben, hat eine ganze Generation in den Bann gezogen. „Imagine“. „Malt euch aus“. Malt euch aus, wie die Welt ohne feindliche Länder wäre, ohne Gier, ohne Besitztümer, ohne Religionen.

 

Die melodische Anmutung ist so, als habe John Lennon den ersten Satz der Mondschein-Sonate Beethovens ins Popkulturelle gewandelt, wie auch der Text Anklänge an Beethovens utopische „Ode an die Freude“ enthält. Hart am Rande des Kitsches bewegen sich beide, Lennon und Beethoven.

 

Das so sanft wie unerbittlich präsente Klavier erinnert auch an Bachs Choralvorspiel „Alle Menschen müssen sterben“, nur jeder Ergebenheit entkleidet; die Grundtonart C-Dur wendet Glaubensdemut ins Plakative, Tröstliche, Volksseelenhafte.

 

Der Song ist an eine imaginäre Gemeinschaft gerichtet, aber als ein Monument der Entrücktheit. Gerade deshalb zählt „Imagine“ zu den wirkungsvollsten Liedern der Pop-Geschichte.

 

Es wurde an John Lennons 50. Geburtstag gespielt und zum Abschluss der Olympischen Spiele in London 2012, es erklingt seit 2009 zu Silvester auf dem Times Square in Manhattan und ist Bestandteil unzähliger privater Feiern, bei denen es um große Empfindungen geht oder gehen soll. Es könnte ein Osterlied sein – hätte John Lennon sich in ihm nicht ausdrücklich auch gegen den Glauben gewandt.

 

„Imagine“ kann als antichristliches Lied empfunden werden. Mehr noch, Lennon wehrt sich gegen jede Religion. Verkürzt zitiert, heißt die zweite Strophe: „Imagine there’s no countries/ and no religion too“. Ausgerechnet John Lennon? Der vier Jahre lang, von 1965 bis 1969, einen britischen Adelstitel trug und im März 1966 dem „London Evening Standard“ über die Beatles sagte: „Wir sind jetzt populärer als Jesus.“

 

„Imagine“ wurde am 23. Februar 2012 beim Trauerstaatsakt für die neun Opfer des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ gesungen, acht von ihnen Türken. Es dort singen zu lassen, hatte wegen der zweiten Strophe etwas Gedankenloses an sich. Vollständig lautet sie ja sogar: „Imagine there’s no countries/ It isn’t hard to do/ Nothing to kill or die for/ and no religion too“ (kein Grund zu sterben oder zu töten/ und auch keine Religion).

 

Der Text impliziert, dass Menschen des Glaubens wegen töten oder sterben wollen. Ein solcher Text wird für Menschen gesungen, die nicht sterben wollten, aber wegen ihres Glaubens von zwei Atheisten ermordet worden waren? Es waren Menschen, die an ein Jenseits im Himmel glaubten.

 

„Imagine“ aber beginnt mit dem Satz: „Imagine there is no heaven.“ Lennon meint ausdrücklich die religiöse Dimension. „No hell below us/ Above us only sky“ – so geht die Strophe weiter. Zu Füßen keine Hölle, über uns nur Blau. Der physische Himmel als grenzenlose Freiheit von jedem Gott.

 

Musik ist subjektiv, Menschen sind subjektiv. Lennons Song ist vielleicht nicht, was Textkritik in ihm sehen könnte. „Imagine“ ist Lennons „Yesterday“, sein Gegenstück zu Paul McCartneys ebenso berührender Melodie, die dieser sechs Jahre vorher gleichfalls an einem Vormittag binnen Stunden komponiert hatte.

 

McCartney verfängt sich im Diesseits, in einer Realität, die ihn klein und machtlos macht. „Yesterday all my troubles seemed so far away/ Now it looks as though they’re here to stay/ Oh I believe in yesterday.“ Gestern gab’s kein Seelendunkel, heut’ ist es wieder da und wird auf ewig bleiben.

 

Lennons Solo-Lied ist scheinbar das Gegenteil, eine Melodie irdischer Melancholie, die in einem künftigen, rein irdischen Paradies die Erlösung sieht – überhöht ins Fantastische, provokativ Unmögliche.

 

Malt euch mal aus, wie eine Welt ohne Länder wäre, das ist ganz leicht, „it isn’t hard to do“? Der Gegensatz zwischen der Melodie mit ihrer C-Dur-Festigkeit und dem ganz und gar schwebenden, fluchtwilligen Text macht befangen.

 

Es ist die Melodie, die gefangen nimmt. Wie die Mondschein-Sonate ist sie nicht leicht zu singen, ohne die Klavierharmonien wäre sie kaum ein Hit. Mit anderem Taktmaß gespielt, könnte sie eine Marschmusik von Träumern sein.

 

„You may say I’m a dreamer/ but I am not the only one“, ich bin vielleicht ein Träumer, alleine bin ich nicht – das ist eine Gegenhymne zum schmetternden angelsächsischen „Onward Christian Soldiers“, dessen Text so martialisch klingt („marching as to War“) und dessen Melodie, langsam gespielt, ja auch ein elegischer Choral sein könnte.

 

Und so träumt Lennon in assoziativen Ideen: „Imagine no possessions“, „No need for greed or hunger“, „a brotherhood of man“. Kein Besitz, keine Gier, kein Hunger. Die Bruderschaft der Welt. Man klaube sich heraus, was davon gefällt. Das unbestimmt Eklektizistische ist typisch für subjektive diesseitige Erlösungswünsche, entsprungen subjektiven Erfahrungen, bei jedem Menschen sind es andere.

 

Deshalb braucht der Mensch ja die Religion. Sich vom begrenzten Eigenhorizont zu befreien, so endlos weit er einem auch erscheinen mag, kann religiös sein. Zu erkennen, dass Erlösung nicht im Anhäufen besteht, sondern im Loslassen, gleichgültig, ob es Besitz betrifft oder Lebenserfahrung, kann religiös sein.

 

Verzeihen können, wenn Verzeihung unmöglich erscheint, kann religiös sein, oder nicht der Richter sein zu wollen, wenn zu richten der mächtigste Augenblicksimpuls ist, den man sich denken kann.

 

„Das Christentum wird verschwinden“

 

Es gibt Menschen, die solchen Augenblicksimpuls mit Glaubenstreue verwechseln, das ist das Problem jedes religiösen Fundamentalismus. John Lennon hatte damit seine eigene Erfahrung gemacht. Im Interview mit dem „London Evening Standard“ hat er 1966 ja Jesus nicht einfach nur als Vergleichsmaßstab genannt.

 

Er sagte damals: „Das Christentum wird verschwinden. Es wird sich auflösen und davonmachen. Ich brauche mich darüber nicht zu streiten. Ich habe recht und werde recht behalten. Wir sind jetzt populärer als Jesus. Ich weiß nicht, was früher verschwindet, Rock’n’Roll oder das Christentum. Jesus war in Ordnung, aber seine Jünger waren dumm und durchschnittlich. Ihre Verdrehungen ruinieren alles für mich.“

 

Sätze eines über Nacht berühmt und reich gewordenen 25-Jährigen, halb ernst, halb dadaistisch wie drei Jahre später Lennons Begründung dafür, den Adelstitel zurückzugeben: wegen der Kriege um Biafra und Vietnam, „und weil ,Cold Turkey‘ in den Songcharts abrutscht“.

Schallplatten ans Kreuz genagelt

 

Als aber ein US-Jugendmagazin den Satz über Jesus einige Wochen später zitierte – die Beatles hatten für den August eine US-Tournee angekündigt –, brach in evangelikalen Kreisen besonders im Süden der USA Aufruhr los.

 

Ein Radiomoderator in Memphis rief „patriotische, gottesfürchtige Bürger“ dazu auf, Schallplatten und Songhefte „dieser ausländischen Sänger“ zu nehmen und „auf einem großen öffentlichen Scheiterhaufen zu verbrennen“. Es gab pogromartige Plünderszenen vor Musikgeschäften. Der Ku-Klux-Klan nagelte Beatles-LPs ans Kreuz.

 

Lennon nahm zwar auf einer Pressekonferenz seine Sätze zurück: „Ich bin nicht antichristlich oder antireligiös oder gegen Gott. Ich habe nicht gesagt, dass wir besser oder größer sind oder uns mit Jesus als Person vergleichen, oder mit Gott, was auch immer er ist.“ Aber trotzdem schwebten ständige Sorge und Anspannung über dieser letzten Tournee der Beatles überhaupt.

Ein Fantasieblick auf die Welt

 

Der religiös verbrämte Vaterlandsfanatismus machte auf Lennon tiefen Eindruck. 1971 hatte er durch seine zweite, sieben Jahre ältere Frau Yoko Ono einen weiten Horizont bekommen. Ono hat 1940 in New York gelebt und wurde 1944/45 in Tokio Augenzeugin des vernichtenden Luftkriegs. „Imagine“ entstand auf dem Höhepunkt des Vietnamkrieges.

 

Musik ist subjektiv, Menschen sind subjektiv. „Imagine“ ist kein Osterlied. Es ist ein realer Blick auf John Lennon, und ein Fantasieblick auf eine Welt, in der vieles nicht eintreten möge, was Yoko Ono und John Lennon je für sich erlebt haben, und die so werden möge wie ihre junge bikulturelle Ehe.

 

Ist das utopisch? Wahrscheinlich. Ist das antichristlich? Die dunkle Melodie gibt darauf keine Antwort. Sie verklingt im Gehör, sie ruht im Gedächtnis, und sie bleibt auf solche Fragen augenzwinkernd stumm.

_____________________________________________________________

 

Der Song Imagine:

https://www.youtube.com/watch?v=XLgYAHHkPFs

 

__________________________________________________

 

Deutscher Text zu Imagine:

 

Stell dir vor, es gibt den Himmel nicht,

Es ist ganz einfach, wenn du's nur versuchst.

Keine Hölle unter uns,

Über uns nur das Firmament.

 

Stell dir all die Menschen vor

Leben nur für den Tag.

 

Stell dir vor, es gäbe keine Länder,

Das ist nicht so schwer.

Nichts, wofür es sich zu töten oder sterben lohnte

Und auch keine Religion.

 

Stell dir vor, all die Leute

Lebten ihr Leben in Frieden.

Yoohoo-Ooh

 

 

Du wirst vielleicht sagen, ich sei ein Träumer,

Aber, ich bin nicht der einzige!

Und ich hoffe, eines Tages wirst auch du einer von uns sein,

Und die ganze Welt wird eins sein.

 

Stell dir vor, es gäbe keinen Besitz mehr.

Ich frage mich, ob du das kannst.

Keinen Grund für Habgier oder Hunger,

Eine Menschheit in Brüderlichkeit.

 

Stell dir vor, all die Menschen,

Sie teilten sich die Welt, einfach so!

 

Du wirst vielleicht sagen, ich sei ein Träumer,

Aber, ich bin nicht der einzige!

Und ich hoffe, eines Tages wirst auch du einer von uns sein,

Und die ganze Welt wird eins sein.

______________________________________________________

Kommentar am 16.05.2017 von UHR:

Es geht scheinbar auch anders, wie man sehen, oder besser, hören kann. Man kann dem Schwachsinn nicht nur größeren Schwachsinn entgegenhalten, so wie ich mit der gelb-blau karierten Stahlbeton-Gurke mache, sondern auch mit einem liebevollen Song, der von einer friedlichen Welt träumt ohne Religionen.

 

Dieser Song Imagine von John Lennon aus dem Frühjahr 1971 ist jetzt genau 46 Jahre alt - und ? - ist die Welt friedlicher geworden?

Es sieht eher so aus, dass der unselige, der zerstörerische Glaube der Religionen in den letzten Jahren wieder deutlich zugenommen hat. Konflikte und Kriege gibt es weltweit viel zu viele und alle sind dem Glauben geschuldet.

 

Mein Tipp:

Lese Dir aufmerksam durch: "Gott, gibt es Dich?"

und "Der Glaube ist das allergrößte Problem der Menschen"

 

Zuletzt möchte ich noch auf eine Zeile im Song hindeuten: "Eine Menschheit in Brüderlichkeit". Diese Brüderlichkeit, so wunderbar und wünschenswert sie auch wäre, diese Brüderlichkeit wird es nicht geben können, solange es noch den Artikel 1 der Menschenrechte gibt.

 

Google mal "Artikel 1 der Menschenrechte, richtig gestellt" und verbreite diesen richtig gestellten Artikel 1 der Menschenrechte, damit sich die Menschen zukünftig in Brüderlichkeit begegnen können!

___________________________________________________

Hier geht es zurück zu "Andauernder Wahnsinn Glaube", oder

zurück zu "Gott, gibt es Dich?", oder

zurück zu "Was ist Gott für uns Menschen?", oder

weiter zu "genereller Wahnsinn"

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Ulrich Rose

E-Mail