Missbrauch in der katholischen Kirche in den USA

Am 14. August wurde der umfangreichste Missbrauchs-Bericht zur katholischen Kirche der USA öffentlich. Die Pressekonferenz in Harrisburg, Hauptstadt des Bundesstaates Pennsylvania, erschütterte die Anwesenden: 1) Der ehemalige Priester James Faluszczak wurde als Kind missbraucht. 2), 3) und 5) Mehrere Opfer und ihre Familien waren zugegen, saßen auch auf dem Podium. 4) Generalstaatsanwalt Josh Shapiro liest aus dem Bericht. 6) Erzbischof Donald Wuerl soll auch vertuscht haben. Das Foto zeigt ihn in der wichtigsten katholischen Kirche der USA, dem Catholic Shrine in Washington

»Bitte hören Sie uns zu!« DIE ZEIT 30.08.2018

»Priester vergewaltigten Jungen und Mädchen, aber die verantwortlichen Gottesmänner taten dagegen nicht nur nichts. Sie vertuschten alles«

Pennsylvania ist überall: Die wichtigsten Passagen aus einem 884-Seiten-Bericht über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche. Zwei Jahre lang ermittelten die Staatsanwaltschaft und ein Gremium von 23 Geschworenen, die Grand Jury. Das erschütternde Ergebnis wurde öffentlich verkündet.

Wir drucken Auszüge. Aus dem Englischen von Evelyn Finger

 

Wir, die Mitglieder dieser Grand Jury, bitten Sie, uns zuzuhören. Wir wissen, einige von Ihnen haben schon einiges gehört. Gutachten über den sexuellen Missbrauch von Kindern in der katholischen Kirche gab es bereits. Doch noch nie in solchem Umfang. Viele von uns haben geglaubt, solche Geschichten geschähen anderswo, weit weg.

Jetzt kennen wir die Wahrheit: Es geschah überall.

Wir hatten den Auftrag, den Kindesmissbrauch in sechs Bistümern zu ermitteln – in allen Bistümern des Staates Pennsylvania bis auf zwei, die zuvor überprüft worden waren. Wir haben die Aussagen Dutzender Zeugen über den sexuellen Missbrauch durch Kleriker gehört. Wir prüften eine halbe Million Seiten interner Dokumente der Diözesen. Sie enthielten glaubwürdige Anschuldigungen gegen mehr als dreihundert Priester-Täter. Mehr als tausend Kinder konnten wir aus kircheneigenen Akten als Opfer identifizieren. Wir glauben, dass die wahre Zahl – von Kindern, deren Akten verloren gingen oder die sich aus Angst nie offenbarten – in die Tausende geht.

Die meisten Opfer waren Jungen, aber es gab auch Mädchen. Manche waren Teenager, viele waren jünger. Manche wurden mit Alkohol und Pornografie manipuliert. Manche mussten ihre Peiniger masturbieren. Manche wurden oral vergewaltigt, manche vaginal, manche anal. Alle Verbrechen aber wurden weggewischt und abgetan, überall im Bundesstaat, und zwar durch Kirchenführer, denen der Schutz der Missbraucher und der Schutz der Institution über alles ging.

Die Folge der Vertuschungen: Fast alle Missbrauchstaten, die wir fanden, sind zu alt, um strafrechtlich verfolgt zu werden. Das heißt nicht, dass es keine Täter mehr gibt. Diese Grand Jury hat Klage eingereicht gegen einen Priester im Bistum Greensburg und einen im Bistum Erie, die in den letzten zehn Jahren Kinder sexuell belästigten. Wir erfuhren davon durch die Bistümer – was hoffentlich ein Zeichen dafür ist, dass die Kirche sich endlich ändert.

Trotzdem sind wir nicht zufrieden mit den wenigen Anklagen, die wir erheben können.

Es deprimiert uns, dass so viele Delikte ungestraft und unentschädigt bleiben. Dieser Bericht ist unsere einzige Waffe. Wir nennen Namen und Taten – sowohl der Missbraucher als auch der Vertuscher. Wir bringen ihre Vergehen ans Licht, denn das sind wir den Opfern schuldig. Und wir geben Empfehlungen, wie die Gesetze sich ändern müssen, damit Gutachten wie dieses künftig unnötig sind.

Im ersten Teil des Berichts wird jedes einzelne Bistum durch mehrere Fallstudien beleuchtet, sie betreffen den Missbrauch ebenso wie den Umgang der Bistumsleitungen damit. Zwar hatte jeder Kirchenkreis seine Eigenarten, aber das Muster war stets dasselbe: Man half nicht den Kindern, sondern vermied den »Skandal«.

Das ist nicht unser Wort, sondern ihres; es taucht wieder und wieder in den Dokumenten auf. Klagen über Missbrauch wurden versteckt im »Geheimarchiv«. Das ist nicht unser Wort, sondern ihres; der Codex Iuris Canonici der Kirche verlangt von den Diözesen, solch ein Archiv einzurichten. Nur der Bischof besitzt den Schlüssel dazu.

Die gängigen Vertuschungsstrategien waren dergestalt, dass sich sogar Profiler des Federal Bureau of Investigation damit befassten. So stellte uns das FBI Experten seines National Center for the Analysis of Violent Crime zur Seite, die einen Großteil unseres Beweismaterials prüften. Die Special Agents belegten eine Reihe von Methoden, die in den Bistums-Akten immer wieder auftauchten. Sie wirken wie ein Regelwerk zur Vertuschung der Wahrheit: Erstens, benutze Euphemismen zur Beschreibung sexueller Übergriffe. Sage nie »Vergewaltigung«, sondern »unangemessener Kontakt« oder »Grenzüberschreitung«.

Zweitens, lasse Nachforschungen nicht durch Profis anstellen, sondern beauftrage Mitglieder des Klerus, die Glaubwürdigkeit von Kollegen zu beurteilen, mit denen sie leben und arbeiten.

Drittens, um den Anschein von Unabhängigkeit zu wahren, schicke Priester zur »Untersuchung« in kirchliche Psychiatrie-Zentren. Lasse dort »diagnostizieren«, ob der Priester pädophil ist, basierend vor allem auf seinen »Selbstauskünften« und unabhängig davon, ob er sexuelle Kontakte zu Kindern hatte.

Viertens, wenn ein Priester versetzt werden muss, erkläre nicht, warum. Informiere die Gemeinde, er sei »krank« oder leide an »nervöser Erschöpfung«. Oder sage gar nichts.

Fünftens, sollte ein Priester Kinder vergewaltigen, zahle ihm weiter Wohnung und Lebensunterhalt, auch wenn er dies ausnutzen könnte, um weitere sexuelle Übergriffe zu verüben.

Sechstens, wenn ein Täter auffällig wird, entziehe ihm nicht die Priesterwürde, um zu verhindern, dass weitere Kinder Opfer werden. Entsende ihn stattdessen an einen Ort, wo er nicht als Missbrauchstäter bekannt ist.

Schließlich informiere nicht die Polizei. Der sexuelle Missbrauch von Kindern war und ist zwar ein Verbrechen. Aber behandle es nicht als solches. Behandle es als Personalsache, »innerhalb des Hauses«.

Einige Beispiele: Im Bistum Erie, wo ein Priester gestand, sich an einem Dutzend kleiner Jungen vergriffen zu haben, dankte ihm sein Bischof für »alles, was Sie für das Volk Gottes getan haben ... Der Herr wird es Ihnen vergelten.« Ein anderer Priester gab zu, mindestens 15 Jungen anal oder oral vergewaltigt zu haben, der jüngste sieben Jahre alt. Sein Bischof nannte den Täter später einen »Mann der Offenheit und Klarheit«, lobte ihn außerdem für seine »Fortschritte« im Kontrollieren seiner »Sucht«. Als der Täter endlich vom Priesteramt suspendiert wurde, wies der Bischof die Gemeinde an, über die Gründe zu schweigen.

Im Bistum Greensburg schwängerte ein Priester eine 17-Jährige, fälschte die Unterschrift des Hauptpastors auf einer Heiratsurkunde, um das Mädchen Monate später

wieder scheiden zu lassen. Trotzdem durfte er im Pfarrdienst bleiben – sein Bistum fand einen gnädigen Bischof in einem anderen Bundesstaat, der ihn aufnahm.

Auch das Bistum Scranton schützte lieber seine Täter als seine Kinder.

Ein Diözesanpriester wurde erst verhaftet und angeklagt, nachdem die Kirche jahrzehntelang Missbrauchsberichte ignoriert hatte. Als der Schuldspruch bevorstand, handelte der Bischof endlich. Er schrieb einen Brief an den Richter, mit der Bitte, den Angeklagten an ein katholisches Behandlungszentrum zu überstellen. Er betonte die Kosten einer Inhaftierung. In einem anderen Fall vergewaltigte ein Priester ein Mädchen, und als sie schwanger wurde, organisierte er die Abtreibung. Der Bischof drückte per Brief sein Mitgefühl aus: »Dies ist eine schwere Phase in Ihrem Leben, und ich verstehe Ihre Enttäuschung. Ich teile auch Ihren Schmerz.« Leider war der Brief nicht an das Mädchen adressiert, sondern an ihren Vergewaltiger.

Wir wissen, dass die Masse des Materials in diesem Gutachten Ereignisse betrifft, die vor dem Jahr 2000 liegen. Lange wurden diese Dokumente geheim gehalten. Sie erscheinen auch jetzt nur, weil es diese Grand Jury gibt. Der historische Befund aber ist wichtig für Gegenwart und Zukunft. Die Tausenden Opfer kirchlichen Kindesmissbrauchs müssen benannt werden, damit sie ihr Leben weiterleben können. Die Bürger müssen ebenfalls davon erfahren, um eine Verbesserung der Gesetzeslage zu bewirken.

Wir erkennen an, dass sich in den letzten 15 Jahren viel verändert hat. Die hier untersuchten Bistümer haben uns über Verbesserungen in ihrer Rechtsprechung informiert. Fünf Bischöfe gaben Stellungnahmen ab, der sechste, der Bischof von Erie, erschien persönlich. Seine Aussage war geradeheraus und aufrichtig, sie hat uns beeindruckt. Es scheint, die Kirche veranlasst die Strafverfolgung von Missbrauch nun schneller. Interne Kontrollmechanismen wurden etabliert. Opfer sind nicht mehr ganz so unsichtbar.

Doch wir wissen, dass der Kindesmissbrauch in der Kirche nicht verschwunden ist, denn wir haben zwei Priester zweier verschiedener Bistümer angeklagt, deren Fälle innerhalb der Verjährungsfristen liegen. Wir wissen auch, es könnte weitere Opfer geben, die es noch nicht gewagt haben, zur Kirche oder zur Polizei zu gehen. Von den Opfern, mit denen wir gesprochen haben, lernen wir, Reden braucht Zeit. Wir hoffen, unser Bericht ermutigt andere dazu.

Trotz Reformen in der Institution haben sich leitende Kirchenmitglieder ihrer öffentlichen Verantwortung entzogen. Priester vergewaltigten Jungen und Mädchen, aber die verantwortlichen Gottesmänner taten dagegen nicht nur nichts. Sie vertuschten alles. Monsignores, Hilfsbischöfe, Bischöfe, Erzbischöfe, Kardinäle wurden geschützt. Viele sogar befördert. Bevor sich das nicht ändert, ist es zu früh, das Buch über den Sexskandal der katholischen Kirche zu schließen.

Wir sind uns nicht sicher, ob Folgendes extra erwähnt werden muss, aber wir er-wähnen es: Diese Ermittlungen sind kein Angriff auf den katholischen Glauben. Viele von uns, den Grand Jurors, sind selbst praktizierende Katholiken. Viele, die wir angehört haben, Opfer und Zeugen, sind Katholiken. Wir sehen uns nicht in Opposition zum Glauben, sondern fühlen uns den Gläubigen verbunden. Kindesmissbrauch ist nicht nur illegal, er ist gegen das Bekenntnis aller großen Religionen, einschließlich des Katholizismus. Menschen jeden Glaubens und Menschen ohne Glauben wollen, dass ihre Kinder sicher sind.

Grand Jurors sind gewöhnliche Leute, die nach dem Zufallsprinzip für ihren Dienst ausgewählt werden. Wir bekommen wenig Lohn, wir arbeiten viel, und die Arbeit ist herzzerreißend. Doch das ist es wert, denn wir üben Gerechtigkeit. 24 Monate haben wir damit verbracht, das verworfenste Verhalten ans Licht zu bringen – nur um am Ende zu erkennen, dass die Gesetze die meisten Täter schützen und die Opfer zurücklassen mit nichts. Solche Gesetze müssen sich ändern.

Zuallererst fordern wir vom Gesetzgeber, die Missbrauchstäter nicht länger durch Verjährungsfristen zu schützen. Dank eines neuen Gesetzes können Opfer in Pennsylvania sich nun bis zum Alter von 50 Jahren melden. Doch das ist nicht genug. Die Frist gehört gestrichen. Wir haben Betroffene angehört, die in ihren Fünfzigern, Sechzigern, Siebzigern waren, einer war schon 83. Wir wollen, dass künftige Opfer wissen: Die Macht des Gesetzes steht hinter ihnen, solange sie leben. Wir wollen, dass künftige Täter, die sich an Kindern vergreifen, wissen: Sie müssen immer auf der Hut sein, solange sie leben.

Zweitens: Wir fordern ein gesetzliches Zeitfenster, das es älteren Opfern erlaubt, ein Bistum zu verklagen für den Schaden, den es ihnen zugefügt hat, als sie Kinder waren. Wir haben diese Opfer kennengelernt; sie sind gezeichnet fürs Leben. Viele von ihnen wurden süchtig, konnten keine Partnerschaft eingehen, starben früh.

Drittens: Wir wollen eine veränderte Anzeigepflicht. Aus den Bistumspapieren lernen wir, dass Kirchenoffizielle sich immer wieder darauf beriefen, sie seien nicht verpflichtet gewesen, den Kindesmissbrauch in ihren Gemeinden an die Behörden zu melden. Ihnen muss klargemacht werden: Die Pflicht, einen Missbrauchstäter zu melden, besteht so lange, wie die Gefahr besteht, dass er ein weiteres Kind missbraucht.

Ehrlich gesagt: Auch das ist uns nicht genug. Wir fordern nicht nur die Bestrafung von Missbrauch. Wir wollen, dass er nicht mehr geschieht. Jedenfalls dürfen wir von einer der großen Glaubensgemeinschaften der Welt, die sich dem Wohlergehen von über einer Milliarde Menschen verschrieben hat, erwarten, dass sie sich so organisiert, dass die Schäfer aufhören, Jagd auf die Schafe zu machen.

Viele Priester, deren Namen wir nennen, sind tot. Wir nennen sie dennoch, weil wir vermuten, dass viele ihrer Opfer noch leben – einschließlich jener, die vielleicht dachten, sie wären die einzigen. Sie sollen wissen, sie waren nicht allein. Es war nicht ihre Schuld.

Zum Schluss müssen wir noch eine Anmerkung machen. Während unser Bericht entstand, versuchte eine der Betroffenen, die vor uns ausgesagt haben, Selbstmord zu begehen. Von ihrem Krankenhausbett aus bat sie uns um eines: Bringt eure Arbeit zu Ende, und berichtet der Welt, was wirklich geschah. Wir glauben, dass wir dieser Frau etwas schuldig sind. Und den vielen anderen Betroffenen auch, die sich so sehr exponierten, indem sie uns ihre Geschichten anvertrauten. Wir hoffen, dieser Report gibt ihnen, was wir ihnen schulden.

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